Hohe Gaspreise, niedriger Füllstand
Die Temperaturen sinken und die Gasspeicher sind weniger voll als im Vorjahr, der Gaspreis ist im Großhandel so hoch wie im Herbst 2022. Österreich wird dennoch über den Winter kommen, aber die Folgen spüren.
Die Heizsaison hat spät, aber doch wieder begonnen. Die Gasspeicher sind in diesem Jahr deutlich weniger gut gefüllt als im Herbst 2025, nicht nur in Österreich, und der Gaspreis ist wegen des andauernden Kriegs im Nahen Osten so hoch wie zuletzt vor vier Jahren. Der für Europa richtungsweisende Erdgas-Terminkontrakt TTF (zur Lieferung im November) lag an der Börse in Amsterdam am Dienstag bei 87,20 Euro je Megawattstunde (MWh), doppelt so hoch wie im Frühling. Auch für die nächsten vier bis fünf Monate zeichnet sich keine Entspannung ab, erst Gas zur Lieferung 2028 ist billiger.
Die rund 850.000 Haushalte in Österreich – rund 23.000 in Salzburg –, die mit Gas heizen, spüren die massive Verteuerung vorerst nicht. Die meisten Versorger haben noch günstiger eingekauft und das Gros der Haushalte hat Jahresverträge. „Aber wir werden alle die höheren Preise spüren“, erwartet Walter Boltz, Gasexperte beim Beratungsunternehmen Baker McKenzie. Denn die Preisgarantien laufen irgendwann aus. Und bei den 800 bis 1000 Industrieunternehmen, die Erdgas im Produktionsprozess brauchen, schlagen die Preissteigerungen bereits voll durch. Das werde die Inflation wieder antreiben.
Auf dem Weltmarkt kann es eng werden
Dass Gas im Winter knapp werden könnte, glauben die Experten nicht – weder in der EU noch in Österreich. Europäische Länder könnten sich die Preisaufschläge vermutlich eher leisten als Pakistan, so Boltz, auch wenn auf dem Weltmarkt Mengen fehlen. Laut dem internationalen Wirtschaftsmagazin „Economist“ könnte bald eine Flüssiggaskrise drohen. Einerseits weil Katar, einer der Hauptexporteure von LNG weltweit, aufgrund der Lage im Persischen Golf weiter ausfällt (das Emirat hat seine Lieferverpflichtungen aufgrund höherer Gewalt jetzt bis Dezember verlängert), andererseits weil die EU-Speicher bis dato nur zu rund 74 Prozent gefüllt sind. Das Ziel sind 90 Prozent bis Dezember.
Österreichs Gasspeicher sind aktuell zu 69,30 Prozent gefüllt, was zwar viel niedriger als im Vorjahr ist, aber auch für einen kalten Winter ausreichen würde. „Wir haben unser Speicherziel längst erreicht“ , sagt Carola Millgramm, Leiterin der Gasabteilung in der E-Control. Wegen der im Vergleich zum Verbrauch sehr hohen Speicherkapazitäten gilt das EU-Speicherziel von 80 Prozent hierzulande nicht, es reichen 35 Prozent des jährlichen Gasverbrauchs der letzten fünf Jahre. Dazu kommt, dass Versorger und Kraftwerksbetreiber Reserven anlegen müssen – und die strategische Gasreserve weiter vorhanden ist. Österreich sei mit diesen Maßnahmen ein Vorbild für die EU.
Die Gashändler waren angesichts der Verteuerung zurückhaltend beim Einspeichern. Der Speicher der OMV, der auch von Tradern genutzt wird, ist mit 55 Prozent vergleichsweise gering befüllt. Der teilstaatliche Konzern verweist auf die „unterschiedlichen Speicherportfolios“ , um die es hier gehe, aus denen sich „keine Rückschlüsse auf die Versorgungssicherheit der OMV oder ihrer Kunden ziehen“ ließen. Die OMV verfüge „über ein ausgewogenes und diversifiziertes Gasbezugsportfolio, das die sichere Versorgung der Kunden gewährleistet“ – auch in einem volatilen Marktumfeld. Es umfasse Eigenproduktion, lang- und kurzfristige Lieferverträge, Speicherkapazitäten und Flüssiggas (LNG). Das reduziere einseitige Abhängigkeiten, zudem werde die Diversifizierungsstrategie weiterhin konsequent verfolgt. „Speicher sind ein wichtiges Element unseres Beschaffungsportfolios, jedoch nicht das einzige Instrument zur Sicherstellung der Versorgungssicherheit“ , betont die OMV.
Warum die Preise so stark steigen, hat aus Millgramms Sicht nicht allein mit der Situation im Persischen Golf zu tun. Durch die Straße von Hormus waren zuletzt wieder viel mehr Tanker gefahren, darunter auch einige LNG-Schiffe, aber das Risiko und damit die Kosten sind hoch. Auch die Befürchtung, US-Präsident Donald Trump könnte die (für die EU wichtigen) LNG-Exporte drosseln, ist aufrecht. „Die Unsicherheiten sind der größere Faktor“, sagt sie.
Deutschland im Panikmodus
Laut Boltz ist auch Deutschland mitschuldig an der Gaspreisrallye. Denn dort ist der Gasspeicherstand mit 59,96 Prozent am Montag auf einem historisch niedrigen Niveau. Nachdem politisch lange nichts passiert sei, herrsche jetzt Panik. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hat die staatliche Energiefirma Sefe (die verstaatlichte ehemalige Gazprom-Tochter) beauftragt, acht Terawattstunden Gas einzuspeichern. Das sei im Markt spürbar, so der frühere Energieregulator. Sein Rat: Auch wenn die Haushaltspreise noch bezahlbar und Betriebe und Versorger heute besser gerüstet seien als in der Energiekrise 2022 nach Russlands Angriff auf die Ukraine, sollte der Abschied von Erdgas weitergehen. Dazu brauche es den massiven Ausbau von Windkraft und Speichern, denn solange Österreichs Stromversorgung im Winter stark von Gaskraftwerken abhängig sei, würden die hohen Gaspreise auch wieder die Strompreise antreiben.
Monika Graf